Wer @kathrinpassig ist, wissen sicher die meisten Leser. Sogar zu einem eigenen Eintrag in der Online-Enzyklopädie Wikipedia hat sie es gebracht. Und jetzt twittert sie auch noch.
Bemerkenswert ist dabei weniger, dass eine anerkannte Autorin überhaupt das noch sehr neue Medium für ihre Zwecke nutzt; irgendwann wird das gezwitscherte Wort für jeden Schreibenden selbstverständlich geworden sein. Bereits in den 1960er Jahren verarbeitete der Schriftsteller Rolf Dieter Brinkmann alltägliche Vorkommnisse und Gedanken in seinen formal recht frei gehaltenen Gedichten (vgl. “Die Orangensaftmaschine”). Damals vergingen Monate, bis seine Beobachtungen auf Papier gedruckt zu seinen Lesern gelangten. Hätte Brinkmann am 23. April 1975 in London beim Überqueren einer Straße nicht aus Gewohnheit zuerst auf der linken Seite nach nahenden Kraftfahrzeugen Ausschau gehalten, twitterte er heute möglicherweise 140-Zeichen-lange Lyrik.
Auch wird der uns vorliegende erste Tweet der Autorin nicht als “schönster erster Satz” (vgl. “Ilsebill salzte nach”, aus “Der Butt” von Günter Grass) in die Literaturgeschichte eingehen. Insbesondere die holprige Wortfolge “jetzt doch dann auch” lässt eine gewisse Geschmeidigkeit in der Formulierung vermissen.
Das eigentlich Interessante an diesem Tweet ist die Protagonistin namens Felicea (= die Glückliche), die die Autorin zum Gebrauch der innovativen Publikationsform Twitter ausdrücklich ermunterte.
Die Glückliche bleibt für uns ein Geheimnis, eine Unbekannte. Gleichwohl wird uns das Gefühl vermittelt, wie schön es ist, Menschen um sich zu wissen, die in dieser schnellebigen Welt über viele Jahre hinweg verlässlich Orientierung bieten, die es gut mit einem meinen und denen man Vertrauen schenken kann. So hat Felicea die Autorin Kathrin Passig nicht nur zur Konstruktion der Riesenmaschine geraten, sondern hat sie auch noch aufgefordert, den Ingeborg-Bachmann-Preis der Stadt Klagenfurth zu gewinnen. All diese (und bestimmt noch viele weitere) Ratschläge waren nicht nur gut gemeint, sondern auch wirklich gut.
Mit Blick hierauf dürfen wir also gespannt auf zahlreiche noch kommende Qualitätstweets von Kathrin Passig hoffen (vgl. @saschalobo, “Vorschusslorbeeren” vom 26.04.2008). Und mit ganz viel Glück gibt @felicea eines Tages vielleicht auch uns einen guten Rat mit auf den Weg. Mögen beide beim Überqueren von vielbefahrenen Straßen Vorsicht walten lassen.








30. April 2008 um 23:21
Ich glaube, Felicea ist eine eigens für den Leser geschaffene mysteriöse Instanz im nebulösen off, wie Diane beispielsweise, die dauerhaft gesichtslose Sekretärin von Special Agent Dale Cooper.
1. Mai 2008 um 12:12
Felicea ist ‘Mela’ aus KA und eine Bloggerin erster oder zweiter Generation, die schon gebloggt hat als andere Leute noch… naja ;)
Zudem ist sie (im Gegensatz zu Katrin ;) ) Autorin von Kochbüchern für Geeks und LARPer. sowohl im Eigenverlag als auch bei O’Reilly. Und sie kocht exzellent, wie mir mal mit Family vergönnt war zu erfahren ;)
1. Mai 2008 um 19:12
Mich würde ja auch interessieren, ob das Twittern in Rolf Dieter Brinkmanns Sinne wäre.
2. Mai 2008 um 03:37
links for 2008-05-02…
Weplug : connect everyone
(tags: sharing microblogging networking france)
Wie die Beschriftung von Restauranttoiletten zur Erheiterung der Gäste beitragen kann [Jans Küchenleben]
(tags: icommented)
Wer ist eigentlich Felicea? at …
2. Mai 2008 um 11:35
[...] Literaturkritik für Twitter: Als ich letzte Woche die Komposition Twitteratur 1 veröffentlichte, kannte Google den Begriff noch gar nicht. Doch jetzt geht es Schlag auf Schlag: Twitkrit – Literaturkritik für Twitter Twitkrit bespricht jeden Tag eine jener höchstens 140 Zeichen langen Nachrichten, die im Twitter-Schwarm ausgetauscht werden. Bemerkenswert, was die Twitteratur-Krtitiker aus einem so kurzen Satz alles machen! Jede Woche wird zudem ein Tweeter (oder “Twitterer”, warum nicht auch “Twitterat”?) vorgestellt – diese Woche Katrin Passig.. [...]
3. Mai 2008 um 02:59
Himmel, da wird man referenziert und bemerkt das wieder als letzte.
Felicea ist mein ältester Rollenspielcharakter. Nachdem mir irgendwann vor zehn Jahren die ganzen Italiener im IRC, die natürlich davon ausgingen das eine Mela (Italienisch für Apfel) selbstverständlich Italienerin sein musste, tierisch auf den Geist gingen und ich mit dem Ignorieren gar nicht mehr hintererkam, wurde “Felicea” zu meinem Ersatznick für alle Fälle in denen “Mela” bereits belegt war. So auch in Twitter.
Und nein, an der Riesenmaschine und diversen Preisen bin ich gänzlich unschuldig. An anderen Dingen, die ich hier nicht näher ausführen werde, nicht :-)
3. Mai 2008 um 15:28
@Mela: Vielen Dank für die Erleuchtung. Soviel Licht konnte nicht einmal @oliverg ins Dunkel bringen.
Ich werde Dir jetzt einfach auf Twitter folgen vielleicht fällt ja auch für mich irgendwann dabei ein guter Tipp vom Stamm.
3. Mai 2008 um 15:37
Bosch: Vielleicht schreibe ich deswegen Ratgeber? *kalauer*
3. Mai 2008 um 15:40
@Mela: “Das neue MacKochbuch – das Beste aus der Apfelküche”. Omas Apfelstreuselkuchen hat ausgedient.
3. Mai 2008 um 15:44
Mache ich mir Feinde wenn ich sage “Warm genug zum Kochen werden sie ja”? :-)
3. Mai 2008 um 19:18
@Mela: Man macht sich immer Feinde, wenn man die Wahrheit ausspricht. Von beidem kann man allerdings nie genug haben.
30. Juli 2008 um 23:48
Twittern wäre ganz im Sinne von RDB. Viele seiner Gedichte sind “einfache” Snapshots. Ein Beispiel:
————-schnipp—————–
In diesem Moment
sehe ich
dahinten
zwei Tauben.
Sie “ficken” auf dem
Dach.
(Rolf Dieter Brinkmann)
——————schnapp———–
Ein Tweet ähnlicher Prägung war übrigens auch auf der Twitterlesung zu hören. Überhaupt viel Angeeignetes.