Twitter kann viel sein. Ein Nachrichtenkanal, eine Dialogmaschine, ein Unterhaltungsmedium. Kommt darauf an, was man daraus macht.

Twitter kann aber auch ein Podium sein, ein riesiger Runder Tisch, um ein Problem zu diskutieren, eine politische Entscheidung zu begleiten, einen Prozess abzubilden. Das geschieht gerade IMHO zum ersten Mal in beispielhafter Art und Weise bei #S21.

Dabei wird eine funktionelle Besonderheit von Twitter genutzt, die mit dem tagging, der Verschlagwortung mittels der Raute, zusammenhängt. Dadurch wird es bekanntlich möglich, alle Tweets, die mit identischem tag veröffentlicht wurden, in chronologischer Reihenfolge zu sehen.

Zumeist informiert man sich in diesen tag-streams über die Nachrichtenlage zu einem bestimmten Anlass. Das konnte man sehr ausgeprägt bei den Ereignissen im Iran beobachten. Iranische Augenzeugen vor Ort berichteten, Nutzer retweeteten diese Nachrichten weltweit, andere berichteten über Medienresonanz oder wiesen auf Solidaritätsaktionen hin.

All dies findet man auch im #S21-Nachrichtenstrom, aber es geht darüber hinaus.

#S21 kreist um den problematischen Umbau des Stuttgarter Hauptbahnhofs. Diesen Streit gibt es schon seit Jahren, aber im Moment eskaliert die Sache ordentlich wegen der fortschreitenden Bauarbeiten und der sich daran auftürmenden Protestwelle. Dieses Projekt wird in der Stadt heftig diskutiert und eben öffentlich in der #S21-timeline. Allerdings werden nicht nur vereinzelte Nachrichten und Meinungen zu #S21 geschrieben und bei der Suche nach #S21 dann zusammen dargestellt, sondern diese Timeline selbst wird von den Nutzern als Raum begriffen, in dem diskutiert wird. Offenbar sitzen tausende davor und schreiben Statements, die sich auf Tweets beziehen, die sie in #S21 gelesen haben. Diese Nutzer folgen sich zumeist nicht untereinander.

So entstehen in #S21 immer wieder Diskussionen um einzelne Sachverhalte, an dem bis zu zehn Personen teilnehmen, die sich dort gerade befinden. Das liegt auch an den fast an eine Propagandaschlacht erinnernden Ausmaßen, die #S21 angenommen hat. Grund: in den letzten Wochen tauchten immer mehr Pro#S21-Accounts auf, während zu Beginn die Gegner von #S21 fast unter sich waren und aktuell weiter die Mehrheit stellen. Einige diese Accounts wurden auch bewusst angelegt, um nur innerhalb von #S21 mitzudiskutieren. Denn anders als sonst bei Twitter, braucht man hier keine Follower, um sofort bei vielen Gehör zu finden

Die Präsenz beider Lager und die Diskussionsfreudigkeit einiger Protagonisten macht die #S21-timeline zu einem der aktuell interessantesten Orte auf Twitter. Das zieht natürlich weiter Leute an und die ersten Spammer wurden schon gesichtet. Trotzdem: Hier wird etwas neues ausprobiert, was in Zukunft noch stärker Bedeutung erhalten könnte.

Die Diskussionen auf #S21 sind vielfältig und nehmen in der Mehrzahl einen zivilisierten Verlauf. Beschimpfungen sind eher die Ausnahme als die Regel, wobei der Ton natürIich rau ist. Die Fronten sind verhärtet. Neben den Details der Bahnhofsplanung kreisen die Tweet-Kaskaden aber auch um die ganzen großen Themen, um die Demokratie an sich, um die Aktionen der Demonstranten, um Architektur, wie Städte modernisiert werden sollen usw. usf. Angefeuert wird die Sache durch die Entwicklung der Nachrichtenlage, wozu auch Live-Bilder von der Baustelle gehören, an der blockiert und demonstriert wird – live! Außerdem nutzen die #S21-Gegner den Kanal auch ausgiebig, um auf ihre Aktionen aufmerksam zu machten und von dort zu berichten, während die stattfinden.

Wer erleben will, wie unmittelbare Kommunikation auf Twitter aussehen kann, der sollte reinschauen in #S21.

Hier zwei Beispiele, in denen Ausschnitte aus Diskussionen zu sehen sind, teilweise zu zweit, dann zu dritt:

Foto1

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Ob der Begrenzung auf 140 Zeichen ist es auf Twitter oft schwer genug einen kompletten Satz zu übermitteln. Die Schwierigkeit auf limitiertem Raum das zu Erzählende unter zu bringen steigert sich nochmals bei den beliebten Dialog-Tweets. Aus Prosa wird Drama, verteilte Rollen vermitteln eine Situation dialogischer Auseinandersetzung auf engstem Raum der abgezählten Zeichen. Um so beachtlicher ist es daher, dass es sogar Tweets mit Dialog-Charakter gibt, die durch ihre Kürze bestechen. Drei aktuelle Fallbeispiele von @silbermund, @UteWeber und @himmelkreis:

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Salatgurke
[Link]

Normal ist ja auch so ein schwammiger Begriff. Wir sagen einfach mal vegetabler Fetisch dazu. Haben auch andere. Auch mit anderen Gemüsen (mehr Infos beispielsweise hier). Warum nicht. Gerade wenn vorbildlich dabei verhütet wird. Gesünder kann kaum masturbiert werden. Da gehen sogar Pilze. Aber ob unbedingt auch noch Käse ins Spiel gebracht werden muss?

Lauchzwiebel
[Link]

Die Debatte um Google Street View können manche schon nicht mehr hören. Mir geht es da genau so. Populistisch agierende Volksvertreter im ahnungslosen Einklang mit den diffuse Ängste schürenden Boulevardblättern. Alles ärgerlich. Mag man sich gar nicht mehr mit befassen. Sollte man aber. Ohne besserwisserische Arroganz der gut Informierten, sondern mit dem Verständnis für folgenden Sachverhalt, den Kollege mspro so trefflich auf CARTA formuliert: Es gibt kein analoges Leben im Digitalen. Würde der Willy noch leben, würde er vielleicht jetzt in Bezug auf die analoge und die digitale Welt sagen: «Es wächst zusammen, was zusammen gehört».

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Selbsterkenntnis muss was Tolles sein, mir aber auch oft zu anstrengend. So wird es sicher 97,5 Prozent der Weltbevölkerung gehen, ich bin also nicht alleine. Interessant, nicht? Selbsterkenntnis ist aber gar nicht das Thema heute, hier und jetzt.

SONDERN

Es geht vielmehr um die klassische gute Laune. Gute Laune, das ist das, was sich morgens beim Aufstehen wie von alleine einstellt. Oder wenn man den Briefkasten aufmacht oder beim Bäcker in der Schlange steht oder sich im Körper einer Schlange befindet. Oder eben auf der Arbeit. Das mit der guten Laune war natürlich ein Witz, Sie haben es sicher längst bemerkt.

Wenn sich zum Beispiel ein Fremdling in der Früh am Montag den Twitterstream durchliest, wird er feststellen, dass Montag ungefähr so schlimm zu sein scheint wie Hitler oder Nasi Goreng aus der Dose. Außerdem gibt es immer etwas zu meckern. Schlechte Laune wird quasi groß geschrieben. So allgemein. Man könnte und man kann sich allerdings damit heraus reden, dass nur die Einfältigen ein sonniges Gemüt haben. Ein Mensch mit Gefühlen muss ja zwangläufig auch am Alltag zerbrechen, da wollen wir ja alle Rimbaud sein und ein bisschen Nietzsche und natürlich Ren Höek von Ren & Stimpy.

Also daraus ableitend ist es ja voll ocheeso, auch “mal” nicht so gut drauf zu sein. Aufgrund des murmeltiertagartigen strapaziösen, allmorgendlichen Aufstehens und des megagrausamen DenTagüberstehen hat sich bei Frau @Posemukel dann schließlich ein, man muss es leider so sagen, gewisser Defaitismus eingeschlichen. Sie kann es leugnen, aber es nutzt nichts. Doch es ist, wie es ist ,und alles was gesagt werden muss, hat @Posemukel neulich in einem Tweet zusammengefasst. Es ist ein bisschen mehr als Selbsterkenntnis, es ist auch eine Erlösung. Endlich kann man sich sicher sein:

Posemukel

Und jetzt greifen Sie bitte zum Telefonhörer und rufen Sie die entzückende und im Grunde des Herzens liebenswürdige Frau @Posemukel an und sagen Sie ihr, dass alles gut ist und falls es nicht gut ist, dass es dann gut wird. Sagen Sie, Sie seien sich sicher, sagen Sie, Sie hätten das irgendwo gelesen, könnten sich aber nicht mehr erinnern, aber behaupten Sie steif und fest, dass es genauso sein wird, nämlich gut. Sie wird sicher außer sich vor Freude sein.

Der Avatar, das Profilbild zum Twitteraccount – es gibt kaum ein Thema in Twitterland, das nicht insgeheim für wichtiger gehalten und dennoch so gut wie nie thematisiert wird. Ganz heikles Ding, wie wir uns an dieser empfindlichen Stelle der Öffentlichkeit präsentieren, denn Bilder sind noch weniger steuerbar als Worte, in Bezug auf die Bedeutung und die Interpretationsmöglichkeiten des zumeist hyperkritischen Publikums. Da kommen Kriterien wie “hübsch” und “hässlich” ins Spiel. Wer will schon hässlich sein?

Unternehmen und Leute wie Spreeblick machen es sich einfach, die greifen zu ihrer Logo, Bild- oder Wortmarke. Fall erledigt. Klar, SM-Experten raten natürlich ab – “Echte Menschen sind essentiell bei der dialogorientierten Kommunikation!” – aber Scheiß drauf.

Andere Twitteros verwenden irgendso’n Quatsch als Bildchen, Comicsachen sind beliebt, Schafe, Kinderfotos oder ach, keine Ahnung, alles halt, was sie für witzig, bedeutsam oder auch furchterregnd halten. Die Mehrheit greift auf ein Selbstbild zurück oder Teile davon, was in Ordnung ist. Einfach in die Kamera lächeln, fertig.

Wie heikel das ganze Thema genommen wird, zeigt der Umstand, dass es eine ganze Menge sehr nervöser Twitterleutchen gibt, die ihr Bildchen andauernd wechseln. Mich persönlich nervt das. Ich blick dann auf den ersten Blick nicht mehr durch, wer wer ist im Tweetstrom. Andere haben ihr Bildchen zur Ikone gemacht, auch daran basteln sie ständig rum, als ironisches Zitat ihrer selbst. Das ist schwer verwurbelt, intellektuös. Dann gibts da noch die “Twibbon”-Seuche, also diese Bekenntnisschleifchen für die schlimmeschlimme Sau, die grad durchs Twitterdorf geprügelt wird. Ja, ist okay, muss ich aber nicht haben.

Mitschreiben —> Macht doch, was ihr wollt!

Sympathisch sind mir in diesem Zusammenhang Tweets, wie dieser hier von dem auch ansonsten amüsanten, rotzfrechen, aber nicht zu anstrengendem Account von @steaklight.

steaklight

Genau so ist es doch. Man kann es eh nicht allen recht machen. Mach dein Ding so gut, wie’s geht, du wirst schon Fans kriegen. Die, die es Scheiße finden, sollen sich verpissen. Pff.

Und die netten Piepels, die machen dann auch noch mehr mit deinem Avatar. Mitteleuropäisches Voodoo-Zeug zum Beispiel.

euphoriefetzen

Von mir aus.


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